Tour to Thüringen

Oberhof in Thüringen, genauer gesagt im Thüringer Wald – da schlägt das Biathlon-Herz höher. Aber nicht nur der alljährlich im Januar stattfindende legendäre Weltcup zieht die Massen an, auch die Deutsche Meisterschaft weiß zu begeistern. Und nicht nur das, ein paar Lost Places ließen sich so nebenbei „mitnehmen“. Naturgemäß findet Biathlon im September nicht auf Langlaufskiern statt, sondern auf Einheits-Skirollern. Nun zog es auch mich nach zwei Jahren Pause wieder einmal in den Thüringer Wald, obwohl die Wetteraussichten nichts Gutes verlauten ließen. Aber schließlich kann man sich ja entsprechend anziehen, also alles kein Problem – dachte ich. Auf der Fahrt über A7 und die neue A71 zeigte sich wider Erwarten sogar die Sonne, was die Vorfreude nur noch steigen ließ. Aaaaaber, kurz nach der Autobahn-Ausfahrt bei Zella-Mehlis wurde diese recht schnell gedämpft – eine dicke Nebelsuppe hing genau über Oberhof, die Sichtweite so gering, dass das Fahren zum langsamen Vortasten wurde. Endlich an der DKB-Ski-Arena am Grenzadler angekommen wurde aus der Befürchtung Realität, die Wettkämpfe wurden erstmal von 11 Uhr auf 14 Uhr verschoben, in der Hoffnung, dass sich das Einheitsgrau noch etwas lichtet.

Das war erstmal nicht weiter schlimm, so konnte ich in aller Ruhe eine spannende Fotolocation gleich in der Nähe aufsuchen, und zwar ein ehemaliges DDR-Stasi-Gästehaus der SED. Das noch von Erich Honeckers Vorgänger Walter Ulbricht in den 1960er-Jahren in Auftrag gegebene stattliche Gebäude stand gespenstisch im Nebel, das Dach schon zur Hälfte eingebrochen.

Das in Anlehnung an den Namen des Bauherrn „Ulbrichtshausen“ oder „Waltershausen“ genannte Haus stellt einen klasssichen Lost Place dar, alles in extremen Ausprägungen vergammelt, geplündert, vandalisiert. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde wahrscheinlich bereits kurz nach der Wende als Souvenir mitgenommen, kurioserweise auch Kloschüsseln und Waschbecken. Weiter als ein paar Meter habe ich mich nicht ins Gebäude vorgewagt, so sehr hat es aufgrund des starken Regens vom Vortag noch von der meist nicht mehr vorhandenen Decke getropft. Ein paar schöne Lost-Place-Fotos waren aber trotzdem möglich.

Ehemaliges SED-Gästehaus
Ehemaliges SED-Gästehaus

Vor dem geplanten Wettkampfbeginn in der Arena war sogar noch Zeit für einen weiteren Lost-Place-Besuch – das ehemalige Erholungsheim der NVA (Nationale Volksarmee) befand sich nicht weit von Oberhof entfernt. Das teils schlossähnliche Gebäude direkt an der Hauptstraße bot ebenfalls tolle Fotomotive.

Spannend wurde es im alten Heizraum, in dem noch der alte Kohlenheizkessel stand inklusive eines am Kleiderbügel hängenden alten Arbeitskittels, wahrscheinlich des damaligen Hausmeisters. Zur Krönung lagen auf dem Boden alte verstaubte Zeitungen aus der Zeit zwischen Wende und Wiedervereinigung herum, ebenso wie alte Dienstpläne der NVA aus dem Jahr 1990. Auch nach 25 Jahren deutscher Einheit finden sich also solche Relikte und natürlich werden zur Vermeidung weiterer Vandalisierung genaue Standortdaten nicht verraten.

NVA-Erholungsheim
NVA-Erholungsheim

Nun war aber endgültig der Sport an der Reihe. Zurück im Biathlonstadion wurde schnell klar: Schießen ist und bleibt für heute unmöglich, der Schießstand war im Nebelgrau noch nicht einmal zu erahnen. Also hat sich der Veranstalter WSV Oberhof eine Ersatzlösung einfallen lassen, das Gewehr blieb einfach im Schrank und es wurde ein Staffel-Langlaufwettbewerb gestartet, auch kein wirklicher Spaß bei dem Wetter. Siegreich war bei den Damen die erste reine Familienmannschaft, bestehend aus den drei Gasparin-Schwestern aus der Schweiz, bei den Herren gewann die Staffel mit Tobias Herman, Benedikt Doll und Simon Schempp.

Der Nachmittag war inzwischen weit fortgeschritten, Zeit also, den heute eher unwirtlichen Ort zu verlassen und die letzte Fotolocation aufzusuchen. Zum wiederholten Mal war dies die ehemalige Grenzübergangsstelle zwischen Eußenhausen und Henneberg bzw. zwischen Mellrichstadt und Meinigen.

Erst 1973 eröffnet, diente er dem sog. „Kleinen Grenzverkehr“. Am Tag der Wende, dem 9. November 1989 herrschte hier erstaunlicherweise noch gar keine Aufbruchstimmung, der erste Trabant aus Richtung Meiningen überquerte die Grenze erst am 10. November 1989 um 3.40 Uhr. Zu fotografieren gab es u.a. den ehemaligen KfZ-Untersuchungsplatz, einen 1989 begonnenen und natürlich unvollendeten Rohbau für die Grenztruppen sowie als Highlight den alten Wachturm.

Grenzturm Eußenhausen-Henneberg
Grenzturm Eußenhausen-Henneberg
Weiterführende Infos:
Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen
Fotos SED-Gästehaus:

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Fotos NVA-Erholungsheim:

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Fotos ehem. innerdeutsche Grenze:

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